Der Geist von Juhannus

Eine ganz besondere Zeit erlebt man in Finnland zu Juhannus: Alle sind wie ausgewechselt, wenn die längsten Tage im Jahr näher rücken. Die meisten Finnen verlassen dann die Stadt und tauchen ein in die Natur – genießen das Leben rund um das Mökki. Was passiert aber mit den Städten – allen voran Helsinki, die Hauptstadt und größte Stadt Finnlands – wenn sie menschenleer daliegt. Sie verändert sich und wird zum wahren Satumaa – Wunderland! Und die Menschen die zurückbleiben tauchen unfreiwillig in eine andere Welt ein, in der man wahrlich Wunderbares, Sonderbares und Mystisches erleben kann. Also genau das richtige für zwei nordaffine Mitteleuropäer, die die volle Dosis Juhannus brauchen.

Ankommen, durchatmen, loslaufen

Das Flugzeug landet pünktlich am Nachmittag eines Freitags im Juni am Vantaa Airport in Helsinki. Es ist der Freitag vor Juhannus, dem Juhannusabend. Alles läuft glatt, die Koffer sind zügig auf dem Band und kurz darauf sitzen wir im Bus und schaukeln in Richtung Innenstadt. Heute fühlt sich die Fahrt irgendwie anders an. Warum, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Die Rezeption des Hotels ist gut vorbereitet und die Dame überreicht uns etwas verwundert eine zwei Seiten lange Liste mit geöffneten Restaurants, Museen und anderen Aktivitäten, die man so erleben kann während der Feiertage. Denn wirklich geöffnet hat nichts. Das ist sonst so eigentlich nur an Weihnachten, denke ich mir, und wir beziehen unser Zimmer.

Nachdem wir durchgeatmet haben, hält es uns nicht in unserer vorläufigen Bleibe. Wir laufen also los Richtung Seurasaari, denn dort feiert man Juhannus, wenn man in der Stadt bleibt – das habe ich vor unserer Reise schon herausgefunden. Das Ziel ist gesetzt und wir tauchen langsam in die Stadt ein. Die Sonne scheint und ein paar aufgequollene Wolken bevölkern den Himmel, um uns entgegen zu kommen. Wir kommen vorbei am Töölö-See, am Rosengarten und dem Olympiastadion.  Da kommt wie aus dem nichts das erste Auto um die Ecke gebogen. Fast wären wir erschrocken!

Foto: Friederike Kreil

Foto: Friederike Kreil

Diesen Weg bin ich schon häufig gelaufen, doch diesmal ist die Stadt ganz anders… sie ist beängstigend leer. Einfach leer und hat eine ganz andere Stimmung zu bieten. So, als ob die Tiere jetzt die Gegend übernommen haben, denn Vögel zwitschern herrlich als wir zum Sibelius-Monument kommen und uns ein bisschen hinsetzen. An die angenehme Ruhe gewöhnt man sich rasant schnell und man entschleunigt – wie herrlich! Selbst von einer Reisegruppe, die aus einem Bus strömt, Fotos macht und wieder abschwirrt, lassen wir uns nicht stören. Wir beobachten die Szenerie wie in einem Film, denn wir sind bereits eingetaucht in das Wunderland, das der Geist von Juhannus heraufbeschworen hat.

Ab jetzt ist alles möglich, das wird uns klar, und wir gehen weiter zum Café Regatta, das nun selbst wie ein kleines verwunschenes Hexenhäuschen am Wasser steht. Dass es tatsächlich winzig ist und im Inneren nur zwei Tische Platz finden, kommt uns in dem Moment, als wir Kaffee und Korvapuusti bestellen wie selbstverständlich vor. Eigentlich wünscht man sich, dass Hänsel und Gretel vorbeischauen und sich zu uns gesellen. Dies geschieht natürlich nicht und wir gehen nach draußen, vorbei am Feuer, wo schon fleißig Würstchen an dünnen stecken gegrillt werden. Wir beziehen einen Zweisitzer am Wasser, um den rudernden Kanufahrern zuzugucken, wie sie wie kleine Wichtel übers Wasser schweben. Moment. Waren das Wichtel? Joulutonttu? Der kleine Ruderer verwandelt sich in einen Elf mit Zipfel Mütze und wir hören ein „Hohoho!“ in unsren Ohren klingeln.  Wir blicken uns um und tatsächlich sitzt da Joulupukki, der Weihnachtsmann, am Feuer und feiert mit den Menschen. Wir blicken uns nur ungläubig an – ja, es ist alles möglich, heute schon!

Mit Braut und Kokko auf Seurasaari feiern

Seurasaari erreichen wir über einen wunderschönen Steg, der die Insel mit dem Festland verbindet. Das Eiland selbst ist eine unbewohnte Insel, die jedoch ein Freilichtmuseum mit Gebäuden aus verschiedenen Epochen beherbergt.

Wir schlendern durch kleine Siedlungen mit Holzhäusern und an Ständen mit handwerklich hergestellten Produkten aus Holz oder Metall vorbei. In einer kleinen hölzernen Kirche wurde anscheinend ein Gottesdienst oder sogar eine Trauung abgehalten – ein romantischer Gedanke, bedenkt man den Abend und die Kulisse. Unvergesslich.

Wir kommen durch den Wald auf eine Lichtung. Es wird ein Tango von einer Band angestimmt und auf dem Festplatz bewegen sich die Paare in einem gemütlichen Schieben über die Tanzfläche. Mittlerweile ist es Abend und doch lässt sich die Sonne Zeit den Horizont zu küssen. Die Strahlen kommen durch die Baumwipfel und hier und da schimmert die Luft, als wenn kleine Feen darin den Sommerabend begehen. Vermutlich sind es nur Fliegen, die sich in der Abendsonne tummeln, doch die andere Wahrheit gefällt uns besser. Wir stärken uns bei typisch finnischem Essen und freuen uns, das Treiben um uns zu erleben. Die Menschen laufen mit Blumenkränzen auf dem Kopf fröhlich an uns vorbei. Das ist fast schon wie in einem Traum oder Filmen aus Jugendtagen mit Geschichten von Astrid Lindgren.

Foto: Friederike Kreil

Foto: Friederike Kreil

Plötzlich strömen alle in eine Richtung. Sie eilen zum Wasser und dort findet nun ein magischer Moment statt. Die eigentlichen Feierlichkeiten beginnen. Es werden finnische Juhannuslieder gesungen und Gedichte vorgetragen, die wir nicht verstehen. Dennoch wissen wir genau von was sie handeln. Die Stimmung ist nun ganz aufgeregt. Die Luft knistert und es ist allen klar, dass dieser Abend zwar der Höhepunkt des Sommers ist, gleichzeitig nun aber doch wieder der Winter naht. Nach und nach werden die Kokkos entzündet – die Johannisfeuer – die entlang der Küste langsam aufflackern. Alle blicken auf das Wasser und singen. Gleichzeitig eilen die Boote von der Ostsee herbei.

Aus ihrer Mitte erscheint ein Ruderboot. Begeistert sieht man darin das frisch getraute Brautpaar, welches das letzte verbleibende Feuer auf dem Wasser entzünden wird. Die Brautleute steigen auf die Plattform, auf der das Holz getürmt ist. Als es qualmt und sich erste Flammen den Weg nach oben suchen, klatschen und jubeln die Leute, die vom Ufer der Insel mitgefiebert haben. Ein magischer Moment, der so viel Freude und Zufriedenheit in einem weckt. Das ist wohl der Geist von Juhannus, denken wir uns und beobachten das Feuer noch eine ganze Weile schweigend.

Wir verlassen wenig später die Insel, während die anderen Gäste hüpfen und in einer Reihe an den Händen haltend tanzen.

Der Juhannus-Tag

Noch immer beseelt von diesem Gefühlt des Vorabends begehen wir den Tag. Zugegebener Maßen etwas träge und begeben uns zum Kauppatori am Hafen. Das Ritual, welches eigentlich zur Begrüßung dient und vorher ausfallen musste, hat nun Platz und Zeit. Wir üben den Müßiggang, sitzen auf einer Bank und sehen dem gemächlichen Schippern der Suomenlinna-Fähre zu. Da es zuvor geregnet hatte, riecht die Luft ganz frisch und sommerlich zu gleich. Ein Paar Möwen flattern suchend umher und wollten den Andern und uns etwas abluchsen. Doch wir haben nichts. Der Markt liegt brach da und es gibt keinen Kaffee mit Pulla, kein Eis, keine Souvenirs. Nichts zum Stibitzen. Es ist bezaubernd ruhig.

Wir bekommen Lust mit der Fähre zu fahren und Suomenlinna zu besuchen. Es ist sonnig und nicht zu warm. Außerdem ist es eine der wenigen Aktivitäten, die die Stadt heute zu bieten hat. Doch das soll uns recht sein, unsere Tempo ist ähnlich gemütlich. Ein Picknick auf der vorgelagerten Insel wäre fein und tatsächlich findet sich in Laufweite im Bahnhof ein geöffneter Supermarkt.  Wir holen uns Essen und Bier in der Dose – natürlich typisch finnisch: Lapin Kulta und Karhu.

Wir spazieren gemütlich zurück, die Esplanade entlang, genießen die durch die Wolken spitzenden Sonnenstrahlen, sind fast schon am Hafen, als plötzlich eine völlig unerwartete Bemerkung unsere Unterhaltung unterbricht: „War das nicht vorhin noch anders? War da nicht eine Insel und überhaupt wo ist der Hafen?“ Ich drehe ungläubig den Kopf nach vorne und tatsächlich, da war nichts mehr davon alle dem, was wir vorher genossen hatten. Vom Erdboden verschluckt! Ich traute meinen Augen kaum! Wie ein Theaterstück auf einer kleinen Open-Air-Bühne hatte die Natur unsere kurze Zeit der Abwesenheit genutzt und die Szenerie komplett verändert, fast wie im Märchen, wo unglaubliche Dinge einfach so geschehen. Wir waren verblüfft, erstaunt, verzaubert von der neuen dramatischen Kulisse. Das Hafenbecken war von einer Nebelwand eingehüllt worden und aus dem nichts tauchte die Fähre auf und legte an.

Foto: Friederike Kreil

Foto: Friederike Kreil

Wir fuhren also durch ein Nichts aus Weiß und schemenhaft tauchte die Insel Suomenlinna auf. Wir suchten uns einen angenehmen Platz auf den Steinen an einer kleinen Bucht und genossen die letzten Stunden von Juhannus, während die Sonne sich durch den Nebel kämpfte.

Auch wenn wir vom Zauber Juhannus so oft gelesen hatten, waren wir erstaunt und beeindruckt von diesen wenigen Tagen in Helsinki. Denn es sei noch erwähnt, dass der Geist von Juhannus wirklich nur an diesen Tagen zu gegen ist… danach läuft alles wieder wie gewohnt. Und so fuhren wir am Ende unserer Reise durch eine Stadt, die langsam wieder aus ihrer stillen Schönheit erwacht, in Richtung Flughafen. Der beste Reiseführer ist immer noch der Zufall (und vielleicht auch etwas Unwissenheit).

Foto: Friederike Kreil

Foto: Friederike Kreil

Fotos: Friederike Kreil

Kategorie Land & Leute

In meinem Herzen schlägt eine Leidenschaft, die mich seit meinen Teenager-Tagen nicht mehr los lässt: FINNLAND. Eher ist es in all den Jahren schlimmer geworden und die Vermutung "das verwächst sich" oder "es ist nur eine Phase" lässt sich auch nicht mehr anbringen. Also blogge ich mir nun das Finnweh von der Seele und hoffe auf amüsierte und interessierte Leser. Buy Me a Coffee

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