Dieser Artikel ist zuerst in Folk Galore – Ausgabe 5 (3-2021) erschienen
Rund um die Juhannus-Zeit ist das Wetter in diesem Jahr bereits besonders warm und die langen großen Sommerferien haben Finnland bereits im Griff. Schnell für den Besuch am Strand noch ein paar Kleinigkeiten besorgen und da, gleich bei der Quengelware an der Kasse, ist es: «Kauneimmat Kesäsukat». Neongrün hinterlegt wirbt das Handarbeitsmagazin SuuriKäsityö (dt. Großes Handarbeitsmagazin) für seine Sommersonderausgabe der «schönsten Sommersocken» und verspricht 25 großartige Muster. Gut gekauft! Ist man einmal diesem Hobby verfallen, lässt man sich gerne immer wieder auf neue Inspirationen ein, die man dann auf der Liegewiese bei 30 Grad gerne studiert. Sommerhitze und Wollsocken schließen sich in Finnland nicht aus. Schließlich weiß man hier nur zu gut, dass der nächste Winter mit Gewissheit kommen wird. Abgesehen davon, dass sie in Finnland traditionelle Weihnachtsgeschenke sind, sind diese handgefertigten Socken auch bei Menschen jeden Alters ganzjährig beliebt. Die Finnen verwenden sie an kalten Wintertagen, um ihre Füße und Zehen zu wärmen, ob zu Hause oder bei Outdoor-Aktivitäten im Winter.

The Art of Socks
«Stricken ist ein fester Bestandteil der finnischen Kultur», sagt die Ethnologin Anna Rauhala von der Universität Helsinki. Früher haben Frauen die Aufgabe des Strickens für die Familie übernommen. Auch Stricktechniken wurden in den Schulen als unverzichtbare Fertigkeit gelehrt, da warme Socken und Fäustlinge bei finnischem Wetter notwendig und lebenswichtig sind.
Stricksocken gibt es nicht nur für die Familie oder als Weihnachtsgeschenk für Verwandte und Freunde. Früher schlossen sich Frauen in Strickgruppen zusammen und stellten unter anderem Wollsocken her, um sie an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden und gegen eine Spende zu verkaufen. Obwohl sich die Zeiten geändert haben, ist Stricken auch heute noch beliebt und gilt als erfüllende Freizeitbeschäftigung, die mit der Zeit geht und durch aus modisch und trendy ist.
Die zu Weihnachten verschenkten Wollsocken der Oma, berichtet nicht nur Jonna Hietala – Herausgeberin des Buches «52 Weeks of Sock» – fanden in der Kindheit oft wenig anklang. Die Redakteurin des international bekannten finnischen Strickmagazins «Laine», erinnert sich im Vorwort ihres Buches an dicke, aus Kinderaugen unspektakuläre, aber mit Liebe und Hingabe gestrickte Socken ihrer Mummo (finn. Oma). Schon früh lernen die Kinder in der Schule Handarbeiten anzufertigen (übrigens nicht nur die Mädchen) und erfahren damit wie aufwendig und wertzuschätzen diese Arbeit ist. Vielleicht war es genau diese frühe Erfahrung, die Jonna dazu brachte 52 Strickmuster von Designern zu Sammeln und zu veröffentlichen. Es scheint fast so als seien die Wollsocken das Centerpiece eines jeden Strickdesignerns – die Kür oder das Hochzeitskleid der Kollektion – von schlicht mit kleinen Raffinessen bis hin zu aufwändig mäandernden Zopfmustern, die Spielarten sind unendlich mannigfaltig.
Ganz allgemein kann man zwei Herangehensweisen unterscheiden, wenn es um die Gestaltung des Schafts, Ferse, Spann und Zehenkappe geht. Finnen und Finninnen sind Meister des flinken Strickens und scheuen nicht davor zurück, komplizierte Hebemaschen-Mustervorlagen mit Überschlägen und Zunahmen anzugehen. Dabei entstehen Ranken, Blätter und Zöpfe genauso wie grafische Figuren und Muster. Um den Runden aus Reihungen von linken und rechten Maschen Raum zu geben, arbeiten die Stricker hier gerne mit einem einfarbigen Garn, das in einem durch das Stickstück läuft. Die dabei entstehen Löcher und Verdickungen sehen nicht nur kunstvoll aus, je nachdem kann die Stricksocke dadurch luftiger oder wärmender gestaltet werden und so entstehen auch für Sommertage angenehme Fußkleider.
Im Gegensatz dazu stehen Colourwork-Socken. Die bunten Kunstwerke werden aus mindestens zwei oder mehreren unterschiedlichen Farben gefertigt. Dabei führt man die Fäden jeder Farbe stets im Hintergrund mit. Farbenfrohe mosaikartige Muster entstehen so Runde um Runde der neuen Socke. Die mitgeführten Garne haben dann einen praktischen Effekt, das Stickstück wird dicker und sie wärmen zusätzlich die Füße und Waden. Gerne werden diese «Kuviosukat» (dt. Jacquarmustersocken) genannten Strümpfe kniehoch gestrickt und zeichnen sich dadurch aus, das farbige Garne mit Weiß oder Schwarz abgesetzt werden, um das Muster hervorzuheben.
Das Finnschaf im Supermarkt
Wenn man etwa Glück hat und das Land bereist, kann es durchaus vorkommen, dass eine ältere Dame auf dem Marktplatz ihrer Kleinstadt selbstgemachte Wollsocken verkauft. Dick sind die kleinen Kunstwerke dann oft. Genau richtig für kalte Tage. Nicht selten wird beteuert, man verwende nur finnische Wolle und diese halte die Füße lange warm und trocken. Sicherlich hat das Mütterchen die Wollkäule im hiesigen Supermarkt erworben und eher selten ist der Ursprung der versponnenen Vliese in Finnland. Doch ist der Supermarkt der perfekte Ort mit Wolle von finnischen Schafen in Berührung zu kommen.
Einer der beliebtesten Hersteller von Garnen ist die Firma Novita, die eben auch kleine Sortimente in den Supermärkten anbieten. Der erste Blick in das Verkaufsregal macht klar: Die Finnen stricken gerne mit dickerem Zwirn (ca. 225m auf 100gr) aber auch dünnere «fingering» Garne (ca. 400m auf 100 Gramm), wie es bei uns üblicher ist, werden gerne verstrickt.
Seit einiger Zeit verfolgt nicht nur der Garngroßproduzent Novita den Nachhaltigkeitsgedanken. Eine eigene Garnserie mit Wolle allein von finnischen Schafen hat sich auch beim Garnhersteller Wetterhof aus Hämenlinna im Sortiment etabliert. Die Firma will den Bauern einen Sinn für die Zucht und (Er-)haltung der einheimischen Tierrassen geben. Alle finnischen Schafrassen (Finnschaf, Kainuuharmasschaf und Ålandschaf) gehören zu den nordischen Kurzschwanzschafen und bilden mit Heidschnucken, Islandschafen und anderen Rassen aus Skandinavien und Baltikum eine Gruppe. Wirtschaftlich am bedeutendsten sind die Finnschafe. Ihre Wolle gleicht Merino, dabei sind die Tiere gut an die klimatischen Bedingungen angepasst und robust. Selten gibt es heute eine kommerzielle Schafrasse, die nicht finnische Gene aufweisen kann. Die Rasse ist sehr vermehrungsfreudig und wird daher gerne eingekreuzt.

Ein eigener Stamm des finnischen Landschafs – das Kainuuharmasschaf – entwickelte eine graue Schur mit einem leicht perligen Schimmer. Dank gezielter Zucht ist diese besondere Wolle über einen ausreichenden Bestand erhalten. Von weiß über grau bis hin zu Rottönen begeistert die Stricker auch das Alandschaf. Diese kleinen Schafe sind seit Jahrhundert auf den Inseln des Archipels an die rauen Bedingungen gewöhnt. Dadurch ist ihre Wolle besonders wasserabweisend und witterungsbeständig.

Diese Eigenschaft haben alle Wollsorten aus Finnland gemeinsam. Die Fasern sind dank des Lanolins (Wollfett) wasserabweisend. Dieser willkommene Effekt hält die Socken nicht nur länger trocken und geschmeidig, sondern sorgt so für ein gutes Fußklima und das Lanolin pflegt und schützt die Haut der Füße.
Der Run auf (die) Socken
Das Thermometer zeigt minus zehn Grad und der Schnee liegt locker über der finnischen Landschaft wie eine sanfte Decke. Auch bei knackiger Kälte treibt es Menschen vor die Tür, um körperlich und mental fit zu bleiben. Spätestens jetzt lobt jeder die Wollsocken der Omi. Ein paar einfallsreiche Jogger hatten dabei eine andere Idee: Um eine Art Barfuß-Feeling beim Joggen zubekommen, obwohl es Winter ist, ziehen sich die Sportbegeisterten etliche gestrickte Socken aus echter Wolle über die Füße. Nicht nur, dass der puderige Schnee kaum an der Faser hängen bleibt und abperlt. Die Füße sind mollig warm und können sich natürlich bewegen. Was für ein Hightech-Sportgerät! Wäre die Tradition der Strickwaren in Finnland nicht so alt hergebracht und bewährt, man müsste Labore und Wissenschaftler bemühen, um ein so vielfältig verwendbares Produkt zu schaffen. Vielleicht macht gerade die Witterung in Finnland diese Tradition zur alltäglichen Notwenigkeit und hat sich besonders deshalb so präsent erhalten.


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