Drei Monate Abendschule, überraschende Einblicke in die Geschichte meiner Wahlheimat und jede Menge historische Quellen: Ich mache gerade eine Ausbildung zur Stadtführerin in Jyväskylä. Dabei entdecke ich eine Stadt, die ich eigentlich längst zu kennen glaubte, noch einmal von einer ganz anderen Seite.
Als ich nach Jyväskylä gezogen bin, war ich ja schon seit einigen Jahren als Finnland-Bloggerin unterwegs. Deshalb hatte ich auch recht bald Kontakt zu Visit Jyväskylä Region, der Tourismusorganisation meiner neuen Heimat. Bei dieser Gelegenheit bekam ich einen interessanten Hinweis: In Jyväskylä werden deutschsprachige Stadtführer gesucht. Ob das nicht etwas für mich wäre?
Die Idee gefiel mir auf Anhieb. Schließlich beschäftige ich mich schon lange damit, anderen Menschen Finnland und seine Besonderheiten näherzubringen. Warum sollte ich das nicht irgendwann auch direkt vor Ort tun? Allerdings musste ich mich noch ein wenig gedulden, denn die entsprechende Ausbildung wird nicht ständig angeboten. Erst in diesem Herbst war es endlich so weit, und nun drücke ich für drei Monate wieder die Schulbank.
Noch einmal die Schulbank drücken – für die Stadtführer-Ausbildung in Jyväskylä
Organisiert wird die Ausbildung gemeinsam von Gradia, einem großen finnischen Bildungsanbieter, Visit Jyväskylä Region und dem örtlichen Stadtführerverein Jyväskylän oppaat ry. Mit dabei ist auch Suomen Opasliitto, der finnische Touristenführerverband, über den parallel die Qualifizierung zum autorisierten Guide läuft.
Dass die Ausbildung einiges an historischem Wissen voraussetzen würde, war mir natürlich klar. Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war, wie tief wir tatsächlich in die Stadtgeschichte eintauchen. Wir lernen von der Pike auf, wie man mit historischen Quellen arbeitet, Informationen recherchiert und unterschiedliche Dokumente auswertet. Besonders die alten Fotografien, Stadtpläne und Texte haben es mir angetan. Ich finde es unglaublich spannend, darin nach Spuren der Vergangenheit zu suchen und herauszufinden, wie sich Jyväskylä im Laufe der Zeit entwickelt hat.
Aber Geschichte ist natürlich nur ein Teil der Ausbildung. Wir beschäftigen uns ebenso mit den praktischen Anforderungen an einen Tourguide: Wie führt man eine Gruppe? Worauf muss man unterwegs achten? Was gehört zur Ausrüstung, und was muss man im Hinblick auf Sicherheit und Risikomanagement bedenken? Schließlich trägt man während einer Führung nicht nur die Verantwortung dafür, dass die Gäste etwas Interessantes erfahren, sondern auch dafür, dass alles möglichst reibungslos und sicher abläuft.
Inzwischen haben wir ungefähr die Hälfte der Ausbildung hinter uns. Und obwohl neben dem Unterricht einiges an Vorbereitung, Recherche und Lernen anfällt, bin ich mit einer Begeisterung dabei, die ich so gar nicht erwartet hätte. Vor allem hat sich mein Blick auf Jyväskylä verändert. Die Stadt, durch die ich seit Jahren ganz selbstverständlich laufe, steckt plötzlich voller Geschichten. Orte und Gebäude, die bislang einfach zu meinem Alltag gehörten, bekommen durch historische Zusammenhänge eine ganz neue Bedeutung.

19 Stationen durch Jyväskylä: Unsere erste Stadtführung
Die erste praktische Prüfung liegt inzwischen hinter uns. Dafür haben wir gemeinsam eine Walking Tour durch das Zentrum von Jyväskylä erarbeitet, die insgesamt 19 Stationen umfasste. Jeder Kursteilnehmer übernahm einen Abschnitt in der Vorbereitung – und jeder musste die Gruppe ungefähr 15 Minuten lang führen, doch wann genau, das hat das Los entschieden. DAs heißt: Alles muss gelernt werden.
Bei der ersten Übungsrunde waren wir alle noch ziemlich steif. Man konzentrierte sich vor allem darauf, den vorbereiteten Text möglichst einigermaßen wiederzugeben und ja nichts zu vergessen. Umso beeindruckender war es, wie sehr sich das bei der eigentlichen Prüfung verändert hatte. Inzwischen kannten wir die Themen so gut, dass wir viel freier erzählen konnten, spontan auf Details eingingen und auch einmal etwas anders erklärten als ursprünglich geplant. Es war schön zu beobachten, wie jeder von uns in diesen wenigen Wochen bereits in die Rolle als Stadtführer hineingewachsen war.
Mein Abschnitt führte vom Stadttheater bis zum Rathaus. Beide Gebäude gehören zum sogenannten Hallintokortteli, dem Verwaltungsviertel im Zentrum von Jyväskylä. Besonders gefreut habe ich mich über einen kleinen Zufall gleich zu Beginn meiner Führung. Ich stand auf der Terrasse des von Alvar Aalto entworfenen Stadttheaters und wollte gerade etwas über die Architektur erzählen, als mir auffiel, dass im Bistro hinter den großen Fenstern die Lichter brannten.
Dadurch konnte man wunderbar ins Innere schauen und die für Aalto so typischen organischen Formen der Möbel und Lampen erkennen. Das passte natürlich perfekt zu meinen Erklärungen über seine Architektur und die Verbindung von Innen- und Außenraum. Solche Gelegenheiten lassen sich nicht planen, aber wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt hat, kann man sie ganz spontan in eine Führung einbauen.
Erstaunlicherweise war ich bei dieser Prüfung auch gar nicht mehr besonders nervös. Nachdem ich ungefähr wusste, an welcher Stelle ich was erzählen wollte, überwog eindeutig die Vorfreude. Mir hat die Führung unglaublich viel Spaß gemacht, und mindestens genauso begeistert war ich davon, wie viel Wissen unsere Gruppe inzwischen weitergeben kann.

Die nächste Herausforderung: eine Stadtführung im Bus
Mit der Walking Tour ist die erste praktische Prüfung geschafft, aber die nächste Herausforderung wartet bereits. Bei der Bustour müssen wir einen zusammenhängenden Abschnitt von 20 Minuten führen. Das klingt zunächst vielleicht nicht besonders dramatisch, ist aber deutlich anspruchsvoller als eine Führung zu Fuß.
Während der Bus durch die Stadt fährt, müssen wir nicht nur unsere Geschichten erzählen, sondern auch die Strecke im Blick behalten, dem Busfahrer rechtzeitig Anweisungen geben und die Gäste auf Sehenswürdigkeiten vorbereiten, die sie erst in wenigen Augenblicken sehen werden. Das erfordert einiges an Koordination und vor allem eine gute Vorbereitung. Für mich bedeutet das, noch mehr Informationen zu recherchieren, ein neues Skript zu schreiben und den Stoff so gut zu beherrschen, dass ich möglichst frei sprechen kann. Denn bei beiden Prüfungen dürfen wir keine Hilfsmittel mitnehmen.
Gleichzeitig läuft die Qualifizierung zum autorisierten Guide über Suomen Opasliitto, den finnischen Touristenführerverband. Die Autorisierung ist an eine bestimmte Stadt oder Region gebunden und setzt entsprechende Ausbildungs- und Leistungsnachweise voraus. Dabei geht es nicht nur um fundiertes Wissen, sondern auch um professionelle Standards und die Fähigkeit, dieses Wissen sicher und verständlich zu vermitteln. Nach erfolgreicher Autorisierung darf man das offizielle Guide-Abzeichen des Verbandes tragen.
Mit dieser Qualifizierung werde ich also Teil einer organisierten Guide-Tradition in Finnland, die weit über meine eigene Stadt hinausreicht. Für mich ist das eine schöne Ergänzung zur lokalen Ausbildung, denn ich möchte nicht einfach nur interessante Geschichten erzählen, sondern Gäste auch fachlich gut vorbereitet durch meine Wahlheimat begleiten.
Stadtführungen in Jyväskylä – auch auf Deutsch
Eine Frage liegt natürlich nahe: Wie funktioniert eine solche Ausbildung eigentlich, wenn man noch nicht fließend Finnisch spricht? Meine Finnischkenntnisse reichen jedenfalls noch nicht aus, um allen Unterrichtsinhalten problemlos zu folgen. Ich arbeite deshalb viel mit Übersetzungen und muss mir manches zusätzlich erschließen. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, ist für mich aber gleichzeitig eine gute Gelegenheit, mich noch intensiver mit der Sprache zu beschäftigen.
Dass ich trotz meiner noch begrenzten Finnischkenntnisse aufgenommen wurde, hat einen guten Grund. In Jyväskylä werden deutschsprachige Guides gebraucht, insbesondere für Bustouren. Mein Ziel ist deshalb, später Führungen auf Deutsch und Englisch anzubieten.
An interessanten Orten mangelt es der Stadt jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil: Seit Juli 2026 hat Jyväskylä sogar drei neue UNESCO-Welterbestätten vorzuweisen. Der Aalto-Campus der Universität Jyväskylä, das Rathaus von Säynätsalo und das Experimentierhaus in Muuratsalo gehören nun zur UNESCO-Welterbestätte Aalto Works, die insgesamt 13 Architekturensembles und Gebäude in ganz Finnland umfasst. Gerade für Besucher, die sich für finnische Architektur und Design interessieren, gibt es hier also einiges zu entdecken.

Ich freue mich darauf, künftig auch die bereits bestehenden Stadtführungen zu übernehmen und Gästen die Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Eine eigene Idee habe ich allerdings ebenfalls schon länger im Kopf: eine historische Dark Stories-Tour durch Jyväskylä.
Mich interessieren die weniger bekannten Geschichten der Stadt, historische Kriminalfälle, ungewöhnliche Schicksale und Ereignisse, die man nicht unbedingt in klassischen Reiseführern findet. Wenn man bedenkt, wie beliebt beispielsweise True-Crime-Podcasts sind, könnte ich mir gut vorstellen, dass auch eine solche Themenführung auf Interesse stößt. Die ersten Recherchen dafür laufen bereits, und je mehr ich mich mit der Vergangenheit von Jyväskylä beschäftige, desto mehr faszinierende Geschichten kommen zum Vorschein.
Bis dahin liegt allerdings noch einiges an Arbeit vor mir. Zunächst muss die Bustour-Prüfung geschafft werden, bei der auch gleichzeitig die offizielle Autorisierung läuft. Trotzdem freue ich mich schon sehr darauf, irgendwann meine ersten Gäste durch Jyväskylä zu führen. Dass ich dabei selbst noch so viel Neues über meine Wahlheimat lerne, ist für mich jetzt schon eine der schönsten Erfahrungen dieser Ausbildung.

