Portrait & Review: Is This Really Me – The Iron Door

Am 8. September 2017 veröffentlichen Is This Really Me ihr FolkPop-Debüt „The Iron Door“, das in die tiefen der Psyche abtaucht und auf sehr eingängige Weise Tragödien in leichte Musik verpackt. Eine spannende Mischung aus Easy Listening und Intellektuellem, wie es tatsächlich nur Finnen mit ihrer kleinen Portion Verrücktheit vereinen können. Panu, Sänger und Songschreiber der Band, hat mir etliche Erklärungen auf meine unzähligen Fragezeichen gegeben, die über meinem Kopf während dem Hören und Sehen der Platte erschienen.

Die Band

„In einem höhlenartigen Verließ“, so Panu, dem damaligen Proberaum, gründeten 2012 die ersten Mitglieder die Band: Damals arbeiteten Mikko (Gitarre), Hitomi (Bass) und Drummerin Yohei Ono an den ersten Songs die Panu damals geschrieben hatte. Ein Jahr darauf veröffentlichten sie die 7-Inch-Platte „Boxer“. Kurz drauf formierte sich die jetzige Besetzung. Hannu ersetze Ono an den Drums, sowie Instrumentalist Petri und Pianist Ilja stießen hinzu.

Is This Really Mes Geschichte dreht sich um die Flucht in die Musik, ästhetische Dialoge und herzhaftem Gelächter. Einfach eine Gruppe von Freunden, die auf dem Musikalischen Weg versuchen zu verstehen, was abgeht!“

Pop, Folk und Dostojewski, was?

Beim Öffnen der neuen Platte, wundert man sich erst über den Namen. Und gleich im nächsten Moment überrumpelt dich Dostojewski als prominent platziertes Zitat. Wirklich nicht das, was man bei einer FolkPop-Band erwartet. Schwer Stoff und easy Folk-Musik schließt sich doch eigentlich eher aus?

„Die Spannung ist ein äußerst wichtiger Teil der Dramatik im Folk, Country und Gospel. Die Leute singen wunderschöne Lieder über Tragödien und andere schlimme Ereignisse. Und genauso wichtig ist dies auch in der finnischen Kultur…“, erklärt Panu fast, als ob die logische Quintessenz das Album „The Iron Door“ gewesen wäre.

Öffne „The Iron Door“…

Und doch war es so, dass es eine ganze Weile gendauert hatte bis das Album fertig war. Schließlich sind Panus Texte erst nach und nach als „Reaktionen auf Bücher, Filme, Politische Ereignisse, Debatten oder einfach nur täglichen Beobachten“ entstanden.

Es klingt sehr groß, ich weiß. Das Album selbst ist ein herrliches Indie Folk-Album geworden. Es macht Spaß beim zu hören, auch wenn man sich nicht mit dem Kontext der Lyrics auseinandersetzt. Man spürt auch den „den organischen, warmen Sound der Live-Aufnahmen, der den Spirit wieder spiegelt, den die Band beim Musik machen selbst erlebte.“

In der tiefen Dunkelheit öffnet sich plötzlich die eiserne Tür des Kerkers, und der greise Großinquisitor selbst tritt mit einem Leuchter in der Hand ein. Er ist allein, hinter ihm schließt sich sogleich wieder die Tür. Er bleibt am Eingang stehen und blickt Ihn lange, ein oder zwei Minuten, an. Endlich tritt er leise näher, stellt den Leuchter auf den Tisch und spricht.

  • „Die Brüder Karamasow“, Fyodor Dostojewski
Das Cover von "The Iron Door"

Das Cover von „The Iron Door“ | *Amazon-Partner-Link

Doch neben dem einfachen Konsumieren, kann man auch in tiefere Ebenen der Platte eintauchen. So etwas liebe ich! Etwas für Neugierige! Pop muss also nicht profan sein. Bei genauerem Hinhören findet man Referenzen „aus phychedelic Folk, Indie Pop, selbst Country und Gospel“, bestätigt mir auch Panu. Die Einflüsse sind aber direkter Ausdruck des großen, stillen Protagonisten Dostojewski.

Dazu muss man jedoch eine kleine Erklärung vorausschicken: Der Schlüssel für das „Öffnen“ der „Iron Door“ ist Dostojewskis Buch „Die Brüder Karamazow“. Die drei Brüder Mitya (Genussmensch), Vanya (Rationalist) und Alyosha (Spiritueller) sind idealisierte Typen der Psychoanalyse.

Und wie das mit Geschwistern so ist, die drei Brüder zanken sich. Die dabei entstehenden Spannungen äußern sich bei uns als Angst. Diese Bedenken verarbeitet Panu, zum Beispiel im Song „Freedom Riders“ als Reaktion auf die wachsende Bewegung der Extremisten und aufkommenden Populismus überal. Und so entstand eine psychedelische Insel in der Mitte des Folk-Arrangements über „Ausländerfeindlichkeit, die Geschichte der Menschenrechte und UFOs…“ WOW! Den Bogen zu spannen schaffen auch nur Finnen, oder?

Bevor euch jetzt der Kopf platzt (Bitte, jetzt nicht an Mars Attacks denken 😉), wird es wohl Zeit, die Scheibe einfach anzuhören. Sie ist nämlich mega gefällig und mit der Portion Wissen im Gepäck empfehle ich euch nun nochmal genauer hinzuhören!

This Is Really Me arbeiten bereits an neuem Material und kommen vielleicht mit sehr viel Glück nach Deutschland für ein paar Konzerte auf Tour. Bis dahin gibt es das Folk-Pop-„Wahnsinns“-Album zum gemütlichen Anhören jetzt im Plattenladen eures Vertrauens. 😉


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Nordic Notes Vol. 4: „Folk from Finland“ (CD)

Der Tonträger wurde von IceWillMelt Records zur Verfügung gestellt. Titelfoto: Sakari Luhtala

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